Es gibt tausend Gründe dafür, sich zu prostituieren

Eine Mutter von zwei Kindern hat sich in Zürich über Jahre hinweg prostituiert und gleichzeitig Sozialhilfegelder bezogen. Während die Frau einen Schuldspruch wegen Betrugs akzeptiert hat, kämpft ihr Mann seit Montag vor dem Zürcher Obergericht für einen Freispruch. Er habe nicht gewusst, dass seine Frau auf dem Hausfrauenstrich anschaffte, macht er geltend. Das Urteil in dem Fall steht noch aus.

In Zürich arbeiten zehn Prozent der Sozialhilfebetrügerinnen im Sexgewerbe (siehe Box). Der sogenannte Hausfrauenstrich ist ein bekanntes Phänomen. Trotzdem lässt sich nicht genau beziffern, wie viele Frauen dort anschaffen. Es existiert keine Statistik. «Der Hausfrauenstrich als solches ist nicht fassbar. Der Begriff steht allgemein für Frauen, die neben einem regulären Job noch Geld als Prostituierte verdienen», erklärt Rolf Vieli, Leiter des städtischen Projekts «Langstrasse Plus».

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Die Freier gehen ins Netz

Auch örtlich lässt sich der Hausfrauenstrich nicht festlegen. Auf die Strasse gehen die wenigsten Frauen. Vielmehr mieten sich einige von ihnen ein Zimmer, um die Freier zu bedienen. Oder sie gehen in den eigenen vier Wänden dem Nebenerwerb nach. Angeworben werden die Männer in Zeitungsinseraten oder übers Internet.

Schliesslich gibt es auch jene Frauen, die Teilzeit in einem Sex-Club arbeiten. So zum Beispiel im Saphir an der Zweierstrasse im Kreis 3. «Es sind vor allem Schweizerinnen oder Frauen, die schon länger hier leben, die sich bei uns etwas Taschengeld dazuverdienen. Sie wollen sich beispielsweise Ferien oder ein schönes Geschenk für die Kinder leisten», sagt Geschäftsleiter Bruno Meier auf Anfrage.

«Die Frauen wollen begehrt werden»

Die Moralvorstellungen hätten sich eben verändert, so Meier. «Frauen sind heute freier. Die sexuelle Revolution hat schliesslich stattgefunden.» Es komme aber auch vor, dass die Frauen durch diese Arbeit Bestätigung suchen und Selbstzweifel aus dem Weg räumen möchten. «Sie wollen begehrt werden – oder einfach nur beachtet. Das ist wichtig für ihr Selbstwertgefühl.»

Rolf Vieli sieht das anders. Ihm sind vor allem Fälle von Frauen bekannt, die von ihrem Mann verlassen wurden und nun nicht genug Geld haben, um die Familie durchzubringen. «Sie prostituieren sich aus einer finanziellen Notlage heraus – oft auch vor Weihnachten.»

Jede Prostituierte eine Hausfrau

«Es gibt tausend Gründe dafür, sich zu prostituieren», meint Regula Rother von der Zürcher Stadtmission. «Vielleicht machen es die Frauen aus einer momentanen Geldnot heraus oder sie haben einfach Lust auf viel Sex.» Für Rother stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, wo Prostitutionbeginnt: «Ist es bereits Prostitution, wenn man für Sex ein neues Handy bekommt?» Der Graubereich sei somit gross und die Grenzen fliessend.

Auch Doro Winkler, Mediensprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ, kennt zahlreiche Formen der Gelegenheitsprostitution. «Das können Hausfrauen sein aber auch Studentinnen oder Angestellte. Alle Facetten sind da möglich. Man hat ein falsches Bild von den Sexarbeiterinnen. Ihr Leben besteht nicht nur aus Arbeit – und wahrscheinlich ist jede Prostituiert auch eine Hausfrau.»

Doppelbelastung für die Prostituierten?

Das Umfeld wisse allerdings oft nichts von der Sexarbeit dieser Frauen, so Winkler. Daher sei es für die FIZ vor allem wichtig, unter welchen Bedingungen eine Prostituierte anschaffe. «Wenn die Prostituierten auch als Hausfrau arbeiten, dann könnte man zum Beispiel über die Doppelbelastung sprechen, der sie dadurch ausgesetzt ist.»

Von Doppelbelastung oder sogar Zwang könne bei den Frauen im Saphir-Club keine Rede sein, beteuert Bruno Meier. «Wer in meinem Club arbeitet, ist nicht traurig oder unzufrieden. Das würde der Gast auch merken. Bei uns geht es gut zu und her.» Natürlich würden auch die Prostituierten vom Saphir nicht herumerzählen, wo sie arbeiten. «Aber sie können es mit ihrem Gewissen vereinbaren. Bei uns arbeiten nur Frauen, die hier arbeiten wollen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Es-gibt-tausend-Gruende-dafuer-sich-zu-prostituieren/story/20420791

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